Das Tabu durchbrechen mit „#Depression Abzugeben“ von Uwe @bicyclist Hauck

Schon seit über einem Jahr wirbt Uwe Hauck für sein Buch „Depression abzugeben“ über alle möglichen digitalen Kanäle und auf Barcamps. Bevor ich zu einer Art Buchrezension oder Empfehlung komme, möchte ich ein wenig schreiben, was mir auf der Seele liegt und ruhig aufgeschrieben werden sollte. Das ist meine Sichtweise und es sind meine Eindrücke und Erlebnisse mit Uwe. Daher ist dies kein typischer literarischer Blogbeitrag, sondern ein durchaus persönlicher. Und längerer.

Wer Uwe durch die Barcamp Zeiten kennen gelernt hat, so wie unter anderem auch ich das Glück hatte (durch das Barcamp Stuttgart), der ist natürlich nicht erst seit seiner Werbekampagne für das Buch hellhöriger seinen Tweets gegenüber geworden. Ich muss aber zugeben, damals habe ich das nicht so wirklich wahrgenommen was er wirklich durchlebt hat. Ich empfand es nur seltsam wie er seine Session bei der Vorstellung nannte: „Depression, Suizid, #ausderklapse“:

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Dass bei einem Barcamp über ein so sensibles Thema auch offen gesprochen und ausgetauscht werden sollte, erschloss sich mir nicht. Ich jedenfalls hatte Respekt für den Mut von Uwe. Irgendwie habe ich auch durch eigene Sessions vergessen oder übersehen wann seine Session war, so dass ich sie nicht mitbekam, aber das ist typisch für Barcamps. Hinterher jedenfalls haben mir viele Barcamper von der beeindruckenden und sehr emotionalen Session von ihm berichtet. Also hab ich ihn bei der nächsten ruhigen Gelegenheit in der Cafe-Ecke (na gut, im Foyer wo es Essen und Kaffee gab) aufgesucht und er stand ganz ruhig in seiner unübersehbaren Größe an einem Cocktailtisch und tippte auf seinem Notebook rum. Ich erzählte ihm von den positiven Reaktionen seiner Sessionbesucher und dass ich es leider nicht geschafft hatte, aber wollte ihn einfach jetzt fragen ob er mir einige Minuten Zeit schenken und mir was erzählen könnte. Seine Augen leuchteten und er erzählte mir über seinen Suizidversuch. Kurz und bündig. Ich musste oft schlucken. Wenn ich mich richtig erinnere, hab ich ihn auch umarmt. Weil ich froh war, dass sein Versuch scheiterte. Dann zeigte er mir den Chatverlauf seines WhatsApp-Dialoges mit seiner Frau den er für das bevorstehende Buch in ein Textverarbeitungsprogramm eingefügt hatte. Ich begann interessiert zu lesen. Konnte aber nach einigen Textzeilen nichts mehr erkennen, die Tränen in meinen Augen ließen die Sicht verschwimmen und ich musste tief Luft holen, meine Tränen trocknen. Ich hab Uwe gesagt, wie schön es ist, ihn hier beim Barcamp zu sehen und dass er eine tolle Frau und Familie haben muss. Damals hab ich nur ein paar Zeilen gelesen. Den Zusammenhang was davor war, der erschloss sich mir nicht ganz. Irgendwie hatten wir trotzdem ein gutes Gespräch in der kurzen Zeit in der andere Barcamper in anderen Sessions waren. Dieser kleine Moment mit Dir Uwe beim Barcamp Stuttgart 2015 werde ich nicht vergessen.

Aber was ist mit seinem Buch?

Nun, die Thematik Depression und der Umgang mit Suizid ist nicht jedermanns Sache und bisweilen bei vielen noch ein Tabuthema und wird verschwiegen. Hin und wieder gelangt es an die Öffentlichkeit, es gibt die typischen Talkshow-Sendungen und Formate in denen Mediziner, Therapeuten und Betroffene ihre Geschichten erzählen. Aber in der digitalen Filterblase auf Twitter und Facebook verstummt es. Leider viel zu oft. In der digitalen Welt gibt es für Schmerz, Trauer, Schwäche und Krankheiten nicht wirklich viel Verständnis. Einzelne Menschen durchbrechen ihr Schweigen und können offener mit der Krankheit Depression umgehen, andere nicht, viele trauen sich auch nicht online ihre Hülle oder wie Uwe in seinem Buch schreibt, „Maske“ fallen zu lassen. Den Mut, Freunden, Bekannten, Unbekannten und der Öffentlichkeit preiszugeben was in ihnen schlummert. Andere sind durch #notjustsad ermutigt, darüber mehr zu schreiben. Die Angst zu nehmen. Leider gibt es auch traurige Ereignisse, wie bei J.

Zurück zum Buch. Ich erinnere mich, als Uwe anfing mit dem Hashtag „#ausderklapse“ seine Follower auf Twitter und Facebook über seine Erfahrungen in der Psychiatrie zu informieren. Nicht alle waren begeistert, einige fühlten sich gestört und konnten nicht zurecht umgehen mit seiner Offenheit. Aber der große Teil der Reaktionen, die ich auch mitbekommen habe, war positiv überrascht und unterstütze Uwe in seinem Vorhaben und las interessiert seine Tweets oder Berichte bei Facebook oder wenn er Beiträge in seinem Blog veröffentlichte. Ich war also auch schon gespannt auf das Buch und freute mich, als es endlich ankam.

 

15977268_10154964701075452_8073241768378112968_nSchön länger hatte ich kein Buch intensiv gelesen. Jetzt, da es von jemand geschrieben wurde, den ich doch kannte, vertiefte ich mich fast täglich hinein. Und durchlebte die wohl dunkelste Zeit in Uwes Leben und das seiner Familie. Die Art und Weise wie Uwe seine Erfahrungen beschreibt sind oft mit viel Witz und Ironie, aber auch mit dem nötigen Ernst hinterlegt.

Natürlich geht es mit dem Hammer los, seinem Suizidversuch, ich erkannte Teile des zuvor beim Barcamp gelesenen Chatverlaufs wieder. Trotzdem hatte ich wieder Tränen in den Augen. Habe das Buch zur Seite gelegt und erst am nächsten Tag wieder weitergelesen. Was mir am Buch positiv gefallen hat, war das Aussehen des Buches. Das Buch liegt gut in der Hand, hat vorne und hinten so einklappbare Elemente die gut auch als Lesezeichen dienen. Das Cover finde ich schön gestaltet, die Zeichnung mit der Person die unter einer dunklen Wolke sitzt und rechts davon die Sonne – passender hätte man Depression nicht gestalten können. Auf der Innenseite des Buches finden sich einige seiner Tweets, die im Laufe des Buches auch auftauchen. Überhaupt, in seinen Erzählungen sind immer wieder seine #ausderklapse Tweets abgedruckt. Das macht es überhaupt noch interessanter die einzelnen Stationen seines Krankenhausaufenthaltes zu verstehen. In vielen Situationen kann mensch sich wiederfinden und nickt nebenher beim Lesen. Aber oft fängt man auch an zu lachen.

Im Vorfeld gab es zum Beispiel TV-Interviews in der 37-Grad Reihe „Viel mehr als Traurigkeit“, die ich euch absolut empfehlen kann, hier der Link zur ZDF Mediathek. Und nach gut einer Woche war ich auch am Ende seines Buches angelangt:

 

Ich kann daher allen empfehlen, die sich näher und auch auf einem anderen Wege mit der Thematik der Depression und dem Aufenthalt in psychiatrischen Kliniken auseinandersetzen möchten, das Buch zu kaufen, sich schenken zu lassen und zu lesen. Nehmt euch dafür Zeit. Es ist sinnvolle Zeit. Natürlich werden die Erfahrungen und das Geschriebene auf jeden einzelnen Menschen anders wirken als bei mir. Viele meiner Gedanken und Emotionen werde ich nicht öffentlich hier im Blog preisgeben. Ich werde Uwe beim BleibGesundCamp in Esslingen im März wiedersehen und ihm das auch mündlich mitteilen. Keine Sorge, nichts schlimmes. Nur – Umarmungen sind in einem Blog nicht dasselbe wie im echten Leben. Uwe weiß auch warum. 🙂

Danke Uwe, dass Du uns nicht nur an Deinen Tweets und Facebookbeiträgen teilhaben lässt. Du durchbrichst das Tabu „Depression“ damit und das ist gut so.