Das Tabu durchbrechen mit „#Depression Abzugeben“ von Uwe @bicyclist Hauck

Schon seit über einem Jahr wirbt Uwe Hauck für sein Buch „Depression abzugeben“ über alle möglichen digitalen Kanäle und auf Barcamps. Bevor ich zu einer Art Buchrezension oder Empfehlung komme, möchte ich ein wenig schreiben, was mir auf der Seele liegt und ruhig aufgeschrieben werden sollte. Das ist meine Sichtweise und es sind meine Eindrücke und Erlebnisse mit Uwe. Daher ist dies kein typischer literarischer Blogbeitrag, sondern ein durchaus persönlicher. Und längerer.

Wer Uwe durch die Barcamp Zeiten kennen gelernt hat, so wie unter anderem auch ich das Glück hatte (durch das Barcamp Stuttgart), der ist natürlich nicht erst seit seiner Werbekampagne für das Buch hellhöriger seinen Tweets gegenüber geworden. Ich muss aber zugeben, damals habe ich das nicht so wirklich wahrgenommen was er wirklich durchlebt hat. Ich empfand es nur seltsam wie er seine Session bei der Vorstellung nannte: „Depression, Suizid, #ausderklapse“:

Bildschirmfoto vom 2017-01-31 20-55-21

Dass bei einem Barcamp über ein so sensibles Thema auch offen gesprochen und ausgetauscht werden sollte, erschloss sich mir nicht. Ich jedenfalls hatte Respekt für den Mut von Uwe. Irgendwie habe ich auch durch eigene Sessions vergessen oder übersehen wann seine Session war, so dass ich sie nicht mitbekam, aber das ist typisch für Barcamps. Hinterher jedenfalls haben mir viele Barcamper von der beeindruckenden und sehr emotionalen Session von ihm berichtet. Also hab ich ihn bei der nächsten ruhigen Gelegenheit in der Cafe-Ecke (na gut, im Foyer wo es Essen und Kaffee gab) aufgesucht und er stand ganz ruhig in seiner unübersehbaren Größe an einem Cocktailtisch und tippte auf seinem Notebook rum. Ich erzählte ihm von den positiven Reaktionen seiner Sessionbesucher und dass ich es leider nicht geschafft hatte, aber wollte ihn einfach jetzt fragen ob er mir einige Minuten Zeit schenken und mir was erzählen könnte. Seine Augen leuchteten und er erzählte mir über seinen Suizidversuch. Kurz und bündig. Ich musste oft schlucken. Wenn ich mich richtig erinnere, hab ich ihn auch umarmt. Weil ich froh war, dass sein Versuch scheiterte. Dann zeigte er mir den Chatverlauf seines WhatsApp-Dialoges mit seiner Frau den er für das bevorstehende Buch in ein Textverarbeitungsprogramm eingefügt hatte. Ich begann interessiert zu lesen. Konnte aber nach einigen Textzeilen nichts mehr erkennen, die Tränen in meinen Augen ließen die Sicht verschwimmen und ich musste tief Luft holen, meine Tränen trocknen. Ich hab Uwe gesagt, wie schön es ist, ihn hier beim Barcamp zu sehen und dass er eine tolle Frau und Familie haben muss. Damals hab ich nur ein paar Zeilen gelesen. Den Zusammenhang was davor war, der erschloss sich mir nicht ganz. Irgendwie hatten wir trotzdem ein gutes Gespräch in der kurzen Zeit in der andere Barcamper in anderen Sessions waren. Dieser kleine Moment mit Dir Uwe beim Barcamp Stuttgart 2015 werde ich nicht vergessen.

Aber was ist mit seinem Buch?

Nun, die Thematik Depression und der Umgang mit Suizid ist nicht jedermanns Sache und bisweilen bei vielen noch ein Tabuthema und wird verschwiegen. Hin und wieder gelangt es an die Öffentlichkeit, es gibt die typischen Talkshow-Sendungen und Formate in denen Mediziner, Therapeuten und Betroffene ihre Geschichten erzählen. Aber in der digitalen Filterblase auf Twitter und Facebook verstummt es. Leider viel zu oft. In der digitalen Welt gibt es für Schmerz, Trauer, Schwäche und Krankheiten nicht wirklich viel Verständnis. Einzelne Menschen durchbrechen ihr Schweigen und können offener mit der Krankheit Depression umgehen, andere nicht, viele trauen sich auch nicht online ihre Hülle oder wie Uwe in seinem Buch schreibt, „Maske“ fallen zu lassen. Den Mut, Freunden, Bekannten, Unbekannten und der Öffentlichkeit preiszugeben was in ihnen schlummert. Andere sind durch #notjustsad ermutigt, darüber mehr zu schreiben. Die Angst zu nehmen. Leider gibt es auch traurige Ereignisse, wie bei J.

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#waszaehlt – Johannes und das Netz #wirfuerhannes

figure-552117 by ErikaWittlieb CC0 Public Domain

Der Wochenstart heute (Montag) startete bei mir damit wie üblich den Flugmodus am Mobiltelefon zu beenden und zu schauen, was für Nachrichten oder Neuigkeiten denn alles so zwischen dem Schlafengehen und dem Aufwachen so passierte. Zuerst war ich über eine Threema-Nachricht irritiert, in der eine Freundin bezüglich Johannes und Kontakt zu ihm bat. Ich verstand die Nachricht nicht so ganz, immerhin kannten sich beide Personen auch via Twitter, da konnte ich nicht wirklich helfen. Allerdings sah ich in den Notificationbar eine Nachricht die mich zuerst mehr erschreckte – die mit dem Ansbach-Attentäter. Ich wollte der Freundin später antworten, allerdings hab ich das vergessen gehabt bis heute spätmittag. Ändern hätte ich allerdings leider nicht mehr viel.

Dann entdeckte ich Tweets mit Aufrufen die Augen aufzuhalten und nach Johannes Ausschau zu halten. Im ersten Moment hab ich das nicht ganz kapiert, dachte zuerst an ein neues Meme oder Spiel im Netz. Dann las ich auf einem Facebookbeitrag den Grund für die Sorge, den „Abschiedsbrief“ oder letzten Blogpost von Johannes oder Hannes wie er sich nannte. Ich las den Beitrag. Einmal. Dann ein weiteres Mal. Ich schluckte. Musste kurz das Handy weglegen, den Fernseher mit dem laufenden Morgenmagazin ausschalten, tief Luft holen und meine Augen verschlangen jedes Wort seines Postings im Blog. Nun verstand ich die vielen Tweets und Facebook-Beiträge mit Hinweis mit seinem Foto. Ich beteiligte mich, retweetete und teilte die Suchaufrufe und machte mir auch Sorgen. Viel tun konnte ich nicht. Jedenfalls konnte ich nicht nach Bochum aufbrechen und ihn dort suchen. Ich kannte ihn nur via Twitter und leider nicht persönlich. Wir folgten uns zwar gegenseitig, aber richtig privat hab ich ihn nicht kennenlernen dürfen. Anders viele andere, die ihn bei der re:publica antrafen. Allerdings hab ich ihn immer geschätzt und bewundert. Besonders über sein Engagement für andere, als „Gesicht“ der GLS Bank bei Social Media (mit Rouven), gerade bezüglich das Projekt #einbuchfuerkai. Ich kann Johannes deshalb nicht Hannes nennen, weil ich ihn nur als „@jkorten“ von Twitter her kannte.

Immer wieder bricht der Blog von Johannes zusammen, Inhalte sind nicht sofort abrufbar, also mach ich Screenshots von seinem Blogpost und kopiere seinen Text als ich es doch schaffe durchzukommen – weil ich nicht den Googlecache aufrufen möchte. Immer wieder schaue ich auf seinem Twitteraccount nach, ob nicht doch ein Lebenszeichen von ihm kommt und seine Familie, Freunde und die „Netzgemeinde“ aufatmen kann.

iC9PeOFfDoch dann plötzlich taucht ein Tweet mit der traurigen Gewissheit auf, der auf den Polizeibericht der Polizei Bochum hinweist: „POL-BO: Vermisster Johannes Korten tot aufgefunden„. Ein dicker Kloß macht sich in mir breit. Ich bin auf der Arbeit, muss kurz innehalten. Und dann bricht auch die Trauer darüber bei Twitter und Facebook aus. Die ersten Menschen die über die Ernsthaftigkeit einer Depression nicht so auf der Höhe sind, versuchen zu trollen und zu provozieren und beschimpfen Johannes als „feige“. Ich gehe nicht auf diese Menschen ein. Sie haben meine Zeit nicht verdient. Auch heute und für die Zukunft ist es wieder wichtig, über Depression und die Auswirkungen zu sprechen. Nicht alle können sich so öffnen und offen über ihren Suizidversuch reden wie zum Beispiel Uwe. Er wurde für seine Ehrlichkeit und offene Art der Kommunikation im Umgang von vielen kritisiert und zu Unrecht angegriffen. Aber Menschen mit Depressionen und die auch darüber reden möchten anzugreifen ist feige und nicht richtig. Auch die aktuelle Diskussion über Amokläufer mit Depressionen hilft nicht korrekt. Auf einmal werden Menschen mit Depression stigmatisiert und in einen Topf mit Attentäter und Amokläufer geworfen. Deswegen sind Aufrufe mehr über Depression zu diskutieren richtig und wichtig. Aber nicht nur diskutieren, sondern mit den Menschen zu reden, interagieren. Jedenfalls nicht bedauern, sondern normal mit ihnen sprechen.

Den Tag über schon verwendeten viele die nach Johannes suchten den Twitter-Hashtag #wirfuerhannes. Inzwischen trendete er auch. Aber darauf kommt es nicht an. Es kam darauf an, das viele Menschen die Johannes nicht persönlich kannten (so wie ich) sich um ihn sorgten und Gedanken machten oder auch beteten. Frank Tentler schrieb auf Facebook:

„Die schreckliche Ahnung ist Gewissheit geworden: Johannes Korten ist tot.
Seine Familie und seine Freunde sind fassungslos und müssen sich nun dem Unbegreiflichen stellen.

Sie haben eine Bitte:
Nehmt Anteil, aber gebt ihnen den nötigen Raum und die Ruhe, mit dieser Situation umgehen zu lernen.

Das Netz war für Johannes ein greifbarer und – mit unser aller Hilfe – ein guter Ort. Ein Spiegel unserer Gesellschaft. Die Möglichkeit, auf Missstände zu reagieren und Dinge besser zu machen. Es war aber auch der Ort, wo er Abschied von seinem Leben nahm. Sein Abschied macht uns sehr traurig, weil er ein trauriges Beispiel dafür ist, dass selbst Menschen, die immer allen jederzeit halfen, manchmal keine Hilfe zu suchen und zu finden vermögen.

Allen, die den Tag über die Suche nach Johannes unterstützten, möchten wir danken. Hannes war vielen Menschen wichtig und ein guter Freund. Denkt an ihn, erinnert euch an ihn. Aber bitte vergrößert nicht den Schmerz seiner Familie und engen Freunde durch eine öffentliche Diskussion seines Tods. Hannes hat sich verabschiedet. Es bleibt unendliche Trauer bei den Menschen, die ihn geliebt und geschätzt haben.

Wenn ihr wollt, dass man sich an ihn erinnert, dann erzählt von Euren Begegnungen mit Hannes und wie er das Netz für Euch zu einem guten Ort gemacht hat.
Wenn ihr wollt, dass er nicht vergessen wird, lebt die Ideale, die er selbst gelebt hat.“

Johannes letzter Wunsch auf seinem Blogpost:

„Wenn ich einen letzten Wunsch hätte, dann wäre es der hier: Schaut in jeder Situation gemeinsam nach vorn. Seit achtsam mit euch selbst und dann aufeinander. Macht die Welt im Großen wie im Kleinen wieder zu einem guten Ort. Lebt den Gedanken, dass das gemeinsam im Miteinander möglich ist, weiter. Das wäre mir ein letzter Trost. Vielleicht bekommt mein Dasein dann doch noch einen Sinn.“

Mein kleiner Abschied an Johannes:

Lieber Johannes – ruhe in Frieden!
Anscheinend ging es nicht anders – leider. Du hast nicht nur im Netz tiefe Wunden hinterlassen. Nicht nur bei Deiner Familie, Deinen engen Freunden und Verwandten, Bekannten und Deinem Umfeld gibt es unbeantwortete Fragen. Ich hoffe und bete, dass wir uns auch weiterhin an Deinen letzten Wunsch erinnern und zukünftig uns mehr um Menschen kümmern. Danke für Dein bisheriges Schaffen und dass Du da warst und in jeden einzelnen von uns kleine und große Dinge bewegen konntest. Und irgendwann werden wir uns alle sehen. Mögen wir dennoch für unsere Zukunft mehr von Dir in uns tragen und uns an Dich erinnern.
Bis dahin…

Mehr fällt mir gerade nicht ein, was ich noch schreiben könnte oder auch sollte oder auch nicht…

Bisher gab es auch schon einige schöne Blogbeiträge mit Erinnerungen an Johannes, dies sind sind sicherlich nicht alle, ich verlinke einfach zu den Beiträgen die mir bekannt sind. Falls ihr weitere kennt, hinterlasst doch Links zu diesen im Kommentar. Danke.

  1. http://www.livingthefuture.de/2016/07/25/johannes/
  2. http://primamuslima.de/johannes-korten/
  3. http://e13.de/blog/der-ganze-rest/das-schwarze-woelkchen/
  4. http://jelimuki.de/2016/07/03/litcamp-4-einlichtfuerlinsensicht/ (Johannes wird darin erwähnt)
  5. http://happybuddha1975.de/danke-johannes/
  6. http://www.gala.de/lifestyle/galaxy/johannes-korten-dramatische-suchaktion-nach-vermisstem-blogger_1494285.html
  7. http://nullenundeinsenschubser.de/2016/07/johannes-korten-1974-2016/
  8. http://isabelbogdan.de/2016/07/25/glueck-auf/
  9. http://www.arbeiten4punkt0.org/2016/07/wirfuerhannes/
  10. http://hehocra.de/ein-punkt-ohne-happy-end/
  11. http://www.tollabea.de/menschen-mit-depressionen-bleibt-bei-uns-gedanken-am-wirfuerhannes-tag/
  12. https://dirkkropp.wordpress.com/2016/07/25/johannes/
  13. http://www.ostwestf4le.de/2016/07/25/wirfuerjohannes-johannes-korten-ist-tot/
  14. https://www.freitag.de/autoren/soloto/selbstmord-eines-bloggers
  15. http://burntimes.com/7782-der-vermisste-blogger-johannes-korten-%E2%80%A042-wurde-in-bochum-tot-aufgefunden/
  16. https://riedelwerk.wordpress.com/2016/07/26/754-am-ende/
  17. http://www.herz-und-liebe.com/machs-gut-hannes/
  18. http://www.charmingquark.de/2016/07/25/nachruf-auf-einen-freund/
  19. http://jens.ruhr/johannes-korten-ist-tot-wirfuerhannes/1058/
  20. http://www.herzdamengeschichten.de/2016/07/26/johannes-korten-1974-2016/
  21. https://heimatgezwitscher.wordpress.com/2016/07/26/der-fruehe-vogel-fliegt-nicht-mehr-goodbye-hannes-wirfuerhannes/
  22. http://literaturcamp-heidelberg.de/2016/07/johannes-korten-der-versuch-eines-nachrufs/
  23. http://familylifeloveandcooking.blogspot.de/2016/07/depressionen-das-ende-eines-lebens.html
  24. https://derkleinegemischtwarenladen.wordpress.com/2016/07/25/am-ende/
  25. Johnny Haeusler im spreeblick über Johannes Korten
  26. Warum – von Herr Bock
  27. Für Hannes – von Juna
  28. Ohnmacht von Alena Dausacker
  29. Trauer anne Ruhr – pottblog
  30. R.I.P. Johannes, danke für #EinBuchFuerKai von Doris Schuppe
  31. RIP Johannes Korten von Christian Spließ
  32. Nachruf von Herr Bock „Warum“
  33. Inspiration bei „Mama Notes“

Und – wenn ihr Depressionen habt oder ihr euch nicht verstanden fühlt, ruft lieber die TelefonSeelsorge an, unter Telefon: 0800-1110111.

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Titelfoto: figure-552117 by ErikaWittlieb CC0 Public Domain via pixabay